Interview: Wie lässt sich der deutsche Journalismus retten?

Wie sieht die Zukunft des Journalismus aus? Im Zeitalter der Digitalisierung und des Web-Konsums kämpfen viele Medien mit Refinanzierung und dem Spagat aus Schnelligkeit und Qualität. Stirbt Print aus? Und was können deutsche Redakteure aus dem Silicon Valley lernen?

Patrick Lux, www.patrick-lux.de

Biographie: Jan ist auch bekannt als jati. Der langjährige Journalist aus Hamburg lebt inzwischen die meiste Zeit des Jahres in San Francisco. 2006 hat er das UPLOAD Magazin aus der Taufe gehoben.

 

Muss man den Journalismus retten? Wenn ja: wie?

 „Retten“ muss man ihn aus meiner Sicht nicht, aber man muss zusehen, dass auch aufwändigere journalistische Arbeit weiterhin refinanzierbar bleibt. Leider werden zu viele Inhalte im Netz verschenkt und man hofft, sie im Nachhinein mit Werbung zu refinanzieren. Dieses Modell lässt aber nur bestimmte Arten von Inhalten zu und sorgt zudem dafür, dass journalistische Angebote auf Klicks optimiert werden.

Das aber steht im Konflikt mit journalistischen Tugenden wie der Sorgfaltspflicht oder auch einer ausgewogenen Berichterstattung. Themen werden dann vor allem danach bewertet, wie viele Leser sie potenziell bringen. Überschriften werden so gestaltet, dass sie „klickstark“ sind. Und dann sieht man zu, dass jeder Nutzer so viel Werbung wie nur irgend möglich angezeigt bekommt.

Das Ergebnis sehen wir jeden Tag im Netz und das führt letztlich zur Diskussion um Adblocker, die wir in den vergangenen Wochen erlebt haben. Es gibt andere Modelle. Einzelne profilierte Journalisten oder auch Teams haben es geschafft, sich von den Leserinnen und Lesern bezahlen zu lassen.

  • Kannst du uns hier ein Beispiel nennen?

Man denke hier nur an das niederländische Vorzeigeprojekt De Correspondent. Spannend finde ich in Deutschland das gemeinnützige Rechercheprojekt correctiv.org, das ich selbst als Mitglied unterstütze.

Zugleich sollte auch der werbetreibenden Wirtschaft und ihren Kunden langsam klar werden, dass es nicht nur um Quantität bei Werbung gehen kann, sondern auch um Qualität: In welchem Umfeld erscheine ich? Wie sind die Inhalte gestaltet? Wie viel andere Werbung ist auf der Seite zu sehen? Wie lange halten sich die Leser auf der Seite auf? Solche Fragen werden nach meinem Eindruck noch zu wenig gestellt.

Abgesehen von ein paar „Multimedia-Reportagen“ sehe ich im Web darüber hinaus viel zu wenig Versuche, sehr bewusst an der Qualitätsschraube zu drehen: hochwertige Inhalte in einem hochwertigen Umfeld. Und das eben nicht nur ab und zu als kleines Schmankerl in einem Wust von Sensationsmeldungen und Dekolleté-Klickstrecken.

  • Wie würdest du die Qualitätsschraube drehen?

Ich denke an neue Journalismus-Angebote, die zum einen ganz klar eine interessierte Leserschaft adressieren und sich zum anderen in Gestaltung und Umsetzung von der Masse der Angebote abheben. Am Kiosk finde ich doch auch alles – vom Klatschblättchen über das Nachrichtenmagazin bis hin zum intellektuellen Experiment.

Online gibt es das in dieser Form kaum. Als Argument muss dann die „Kostenlosmentalität“ herhalten. Dabei bezahlen Nutzer heute überall Geld für Inhalte: für E-Books, Musik, Filme und Serien beispielsweise. Warum ist das so? Weil es beispielsweise für alle diese Inhalte passende Plattformen gibt, die den Kauf und Konsum spielend leicht machen. Mal schauen, wie sich Blendle entwickelt, die das für Journalismus schaffen wollen.

  • Vor dem Hintergrund der Berechtigungsfrage von Journalismus im digitalen Zeitalter und der Finanzierungsfrage: Beschäftigt sich Journalismus zu sehr mit sich selbst?

Letztlich spricht jeder gern über seinen Beruf und macht sich (hoffentlich) Gedanken darüber, wohin die Reise geht. Solange es tatsächlich eine Diskussion ist, finde ich das vollkommen in Ordnung. Verzichten kann ich persönlich sehr gut auf Beiträge, in denen jemand die offensichtlichen Entwicklungen abstreitet oder laufend alten Zeiten hinterherweint.

Journalismus verändert sich – macht was draus. So versuche ich jedenfalls an die Sache heranzugehen. Letztlich ist guter Journalismus in der Tat wichtig für unsere Gesellschaft. Und das gilt heute mehr denn je, wo wir so viele Quellen zur Verfügung haben und jeder seine Leserschaft finden kann. Journalisten und Blogger haben aus meiner Sicht eine Aufgabe und eine Verpflichtung, ihre Leserinnen und Leser nach bestem Wissen und Gewissen zu informieren. Gerade weil wir jeden Tag mit Informationen und Meinungen überflutet werden.

Und wenn wir den Eindruck haben, dass der Journalismus das heute nicht mehr ausreichend leistet, dann brauchen wir auf jeden Fall ein Gespräch darüber, wie wir das ändern können. Wichtig ist nur, dass man dann irgendwann auch einmal handelt.

  • Was können sich deutsche Journalisten von ihren Kollegen im Valley abschauen? Und wie sieht es im Umkehrschluss aus?

Experimentierfreude fällt mir spontan dazu ein. Etwas ausprobieren und Spaß daran haben – das vermisse ich doch immer mal wieder in Deutschland. Das soll nicht heißen, dass es nicht stattfindet. Es gibt ja tolle Beispiele zum Glück ebenfalls hierzulande. Aber oftmals eben doch erst, nachdem man woanders bereits etwas Ähnliches gesehen hat.

Ich meine dabei Experimentierfreude mit Formaten, Technologien und Modellen für die Refinanzierung. Ich bin ein großer Fan des Lean-Startup-Ansatzes: Eine Idee entwickeln, die damit verbundenen Annahmen so schnell wie möglich überprüfen und daraus lernen. Das lässt sich im Journalismus und vor allem im Online-Journalismus ganz wunderbar adaptieren.

Letztlich gehört natürlich Mut dazu, weil man mit so einem Experiment auch sehr öffentlich scheitern kann. Aber immerhin hat man dann Erfahrungen gesammelt oder idealerweise ganz konkrete Daten, um es künftig besser zu machen. Umgekehrt glaube ich, dass die deutsche Medienlandschaft trotz aller berechtigten Kritik doch breiter und ausgewogener ist als in den USA. Allerdings glaube ich nicht, dass sich das die US-Kollegen wirklich abschauen können. Dafür sind die Randbedingungen einfach zu unterschiedlich.

  • Glaubst Du das Valley gibt den Takt vor und in fünf Jahren sind wir in Deutschland auf dem gleichen Stand?

Auf dem gleichen Stand sicherlich nicht. Aus meiner Sicht wird oft der Fehler gemacht, Dinge aus dem Silicon Valley oder den USA 1:1 übertragen zu wollen. Das kann zwar klappen. Aber letztlich sollte man meiner Meinung nach viel grundlegender schauen: Was sind die Bedürfnisse und Mechanismen hinter einem neuen Produkt oder einer neuen Herangehensweise, die den Erfolg ausmachen? Wie ist das deutsche Publikum in dieser Frage eingestellt? Passt das zu unseren Grundeinstellungen?

Trotz Globalisierung und trotz unserer kulturellen Nähe zu den USA gibt es ja doch zahlreiche, wichtige Unterschiede. Man darf dabei zudem nicht vergessen, dass die USA als Ganzes auch nicht mit dem Silicon Valley gleichzusetzen sind. Und selbst direkt vor Ort gibt es erhebliche kritische Stimmen.

So wollte eine Bürgerbewegung in San Francisco beispielsweise Airbnb-Wohnungen stark regulieren lassen, weil die Mieten in der Stadt explodieren. Airbnb hat wohl satte 10 Millionen US-Dollar in seine Werbekampagne investiert, um das abzuwenden – was auch geklappt hat.

Insofern: Man kann sicherlich vieles aus dem Silicon Valley lernen. Es gibt Denk- und Herangehensweisen, die ich für deutsche Unternehmen erfrischend finde. Aber man sollte sich zugleich nicht von den großen Sprüchen blenden lassen.

  • Deutschland scheint bei der Digitalisierung stark von Angst getrieben: Zur Angst vor der vollständigen Vernetzung und den Datenbergen gesellt sich mittlerweile die Angst als Land wirtschaftlich abgehängt zu werden. Demgegenüber scheint das Silicon Valley in purem Technologie-Enthusiasmus zu schwimmen. Wo liegt die Wahrheit?

Ganz so pur ist der Technologie-Enthusiasmus in den USA nach meinem Erleben auch nicht. Die Gefahren durch Datensammelei oder durch „disruptive“ Startups wie Uber und Airbnb werden durchaus gesehen. Allerdings kippt die Waage nach meinem Eindruck häufiger in Richtung Innovation als in Deutschland.

Die Wahrheit findet sich meiner Meinung nach auf den sprichwörtlichen zwei Seiten der Medaille. Während man in den USA am liebsten über Potenziale und Chancen spricht, betont man in Deutschland eben häufiger die Gefahren. Die Gefahren wiederum sieht man in den USA eher als lösbare Probleme auf dem Weg zum eigentlichen Ziel. In Deutschland geht man dann lieber gar nicht erst los.

Letztlich darf man aber auch nicht vergessen, dass viele deutsche Unternehmen enorm erfolgreich in Bereichen sind, über die man in der Öffentlichkeit gar nichts weiß. Über Facebook und Google wird dauernd geschrieben, weil das viele Menschen direkt betrifft.

Insofern ist da die Perspektive etwas verzerrt. Trotzdem muss man natürlich sehr aufpassen, dass man nicht plötzlich den Anschluss verliert, weil Konkurrenten schneller agieren als man selbst. So würde ich das einschätzen, ich bin allerdings kein Wirtschaftsjournalist.

  • Das Upload Magazin hat ja einen sehr eigenen Weg: nur online, sehr tiefgehender Content, reduziertes Design und kaum Werbung. Stimmt die Beschreibung des Konzepts und ist es erfolgreich?

Ja, das kommt schon sehr gut hin. Wir haben uns „weniger ist mehr“ als internes Motto gesetzt. Wir investieren unsere Kraft in einige wenige, dafür aber möglichst gute Inhalte. Wir haben aktuell einen großen Beitrag pro Woche und damit vier bis fünf große Beiträge pro monatlicher Ausgabe. Die dreht sich in der Regel um ein Schwerpunktthema aus Bereichen wie E-Business, Social Media und der Internetwirtschaft.

Hinzu kommen zwei bis drei kürze Artikel zu aktuellen Themen. Wir werden die Zahl dieser Artikel nicht weiter steigern, sondern stattdessen in den nächsten Monaten verstärkt in die Qualität investieren. Seit gut zwei Jahren machen wir das jetzt so und die Zahlen geben uns Recht.

 

  • Wie geht ihr mit sponsored Content und Online Ads um?

Das gilt ebenso für das Thema Werbung: Es gibt keinerlei klassische Onlinereklame, stattdessen einen Hauptsponsor. Der taucht mit seinem Logo oben rechts auf der Website auf und wird von uns natürlich genannt, wenn wir beispielsweise eine neue Ausgabe veröffentlichen. Der Sponsor weiß bei uns sehr genau, in welchem Umfeld er erscheint und an welche Leserschaft wir uns richten.

Wir setzen zugleich auf eine langfristige Zusammenarbeit. Das funktioniert ganz ausgezeichnet: Unser Sponsor Mittwald hat sein Engagement gerade um ein ganzes Jahr verlängert. Das ist natürlich eine tolle Bestätigung!

Darüber hinaus experimentieren wir mit anderen Formen, bei denen die Inhalte im Vordergrund stehen und das werbende Unternehmen als Förderer auftritt. Wir haben in diesem Jahr beispielsweise gemeinsam mit Adobe ein „Sponsored Special“ herausgebracht. Das war eine Sonderausgabe mit Fachbeiträgen rund um Customer Experience, die wir pünktlich zur dmexco auf Deutsch und Englisch veröffentlicht haben. Das war spannender Lesestoff und kein Adobe-Werbeblatt. Das Feedback dazu war sehr, sehr gut.

  • Du sprichst ja gerade mit einer PR-Agentur: Hast Du einen guten Tipp für PR’ler? Was sollten wir in Zukunft im Kontakt mit Journalisten mehr machen oder besser lassen?

Ich freue mich über jeden PR-Kontakt, der tatsächlich weiß, worüber ich schreibe und wofür ich mich interessieren könnte. Schließlich ist es für mich durchaus wichtig zu wissen, welche neuen Produkte und Angebote es gibt oder wen man bei einer Recherche einmal anfragen könnte.

Ich glaube, dass man auch hier mit dem Motto „weniger ist mehr“ herangehen kann – und sollte. Letztlich glaube ich, dass die meisten PR’ler das schon sehr genau wissen, aber ihre Kunden vermutlich nicht immer. So erkläre ich mir das jedenfalls.

  • In welchen Situationen wünscht Du Dich in die Heimat zurück?

Wenn ich gern einen frischen Matjes mit Bratkartoffeln hätte! Fischkopp bleibt Fischkopp. Aber mal Spaß beiseite: Solche Momente gibt es, wenn mir der direkte Kontakt zu einem lieben Menschen in Deutschland fehlt oder wenn ich gern persönlich für jemanden da wäre.

Man kann heutzutage zwar auf vielen Wegen miteinander in Kontakt bleiben und verliert sich nicht so schnell aus den Augen. Aber es gibt Situationen, in denen das nicht ausreicht.

Alles in allem habe ich aber inzwischen definitiv heimatliche Gefühle für San Francisco entwickelt. Das ist eine Stadt, an die man sich schon ganz gut gewöhnen kann…