Interview: „Zuck ist der bessere Larry!“ - Die Technologietrends 2016

Jedes Jahr bringt Veränderung. Vor allem in der Technologie-Branche lässt sich diese nicht aufhalten. Automatisierung, Wearables, Artifical Intelligence, Elektromobilität - wo aber liegen die großen Trends? Wir haben Dieter Gerdemann, Partner bei der internationalen Managementberatung A.T. Kearney, nach seiner Prognose 2016 gefragt.

Dieter Gerdemann, Partner bei A.T.Kearney, arbeitet im Silicon Valley und gibt im Maisberger Interview-Einblick in die Technologie-Trends von morgen. 

Was waren die zentralen Technologietrends in 2015?

Da fallen mir spontan natürlich zunächst einmal Big Data und IoT ein – von denen ich zumindest Big Data für alten Wein in neuen Schläuchen halte. IoT jedoch ist – wenngleich haarig, da es ein unglaublich komplexes Geflecht aus Industrien, Geschäftsmodellen, und Technologien umfasst – einer der zentralen Trends des Jahres 2015, das seine ganze Schlagkraft erst in Kombination mit Big Data sowie Artificial Intelligence und Machine Learning, dem dritten Technologietrend des Jahres 2015, entfalten wird.

Andere große Themen waren Wearables, mit dem Launch der Apple Watch, und damit verbunden Digital Health. Ein Thema, das noch ein Nischendasein führt, aber großes Potenzial hat, ist Blockchain – kennen wir alle von Bitcoin, hat aber weit größeres Disruptionspotenzial als „nur“ in Form einer unabhängigen Währung. Autonomes Fahren und Elektromobilität, großes Thema noch zu Beginn des Jahres, ist spätestens mit der CES des letzten Jahres im Mainstream angekommen.  

  • Was sind die drei großen technologischen Innovationstrends für 2016?

IoT wird uns als großes Thema auch in 2016 weiterhin begleiten. Wie schon gesagt, es ist ein haariges und komplexes Thema, das schwer zu greifen ist und für das es schwierig ist, visionäre Use Cases, die über Gimmicks hinausgehen, zu definieren. Die CES 2016 hat gezeigt, dass sich damit auch Silicon Valley Schwergewichte wie Intel schwer tun.

Blockchain hat das Potenzial, 2016 zu einem großen Thema zu werden und sich damit aus der Nische zu emanzipieren. Anwendungsbereiche gehen weit über die Finanzindustrie hinaus, große Effizienzpotenziale lauern in allen transaktionsbasierten Geschäftsmodellen.

Das dritte Thema wird SmartHome sein. Im Schnittpunkt von IoT, Artificial Intelligence und Home Automation wird sich Smart Home in diesem Jahr über pseudointelligente Thermostate, Brandmelder und Kühlschränke hinaus weiter entwickeln – auch befeuert durch Apples und Googles Technologieplattformen. Wer weiß, vielleicht bringt uns Mark Zuckerberg getrieben durch seinen Neujahrsvorsatz ja wirklich der Vision von J.A.R.V.I.S. aus Ironman näher.

Virtual Reality ist ein weiteres Thema, das uns 2016 mit viel Diskussionsstoff versorgen wird.

  • Welche drei innovativen US-Unternehmen sollte man im Auge behalten?

Uber: Wenngleich mit einer unfassbaren Unternehmensbewertung „gesegnet“, wird der Impact, den Uber auf das gesellschaftliche Leben haben kann, doch weitgehend unterschätzt. Die Vision des autonomen, über App auf „Knopfdruck“ sofort verfügbaren Transportmittels ist so unfassbar weit weg vom europäischen bzw. lobby-geprägten „Taxis sind doch auch ganz schön“-Denken, dass es kracht.

Facebook: Na klar, Facebook! Aber nicht wegen der Geschichte des 1.5B Citizens Virtual State (vielleicht eher im Gegenteil), sondern aufgrund der gesammelten Brainpower. Im Silicon Valley halten viele Facebook für das deutlich bessere Google und Zuck für den besseren Larry!

CollectiveHealth: Das Unternehmen steht stellvertretend für eine ganze Armada von vielversprechenden Startups, die einer symbiotischen Beziehung zwischen Healthcare, Social Networks und Preisportalen auf der Spur sind und die sowohl den hohen Gesundheitskosten und der Intransparenz vor allem des US-amerikanischen Gesundheitswesens jenseits der Regulierung durch die FDA den Kampf angesagt haben. Potenziale im ~3.5 Billionen USD schweren Healthcare Markt der USA sollte es zu Hauf geben. Und was in den USA erst einmal fliegt, kommt auch nach Deutschland.

  • Auf was müssen sich deutsche Unternehmen in den nächsten Jahren vorbereiten?

Vor allem auf immer kürzere Innovationszyklen – auch in fertigungsintensiven Branchen. Digitalisierung und Automatisierung sind die großen Treiber dieser Entwicklung. Wir werden den Einzug von 3D Printing in immer mehr Industrien sehen und in immer breiteren Anwendungen. Darüber hinaus wird die Digitalisierung gesamter Wertschöpfungsketten, Warenflüsse, Kunden-Lieferantenbeziehungen und Wertschöpfungsanteile massiv verändern. Das bietet viele Chancen für deutsche Unternehmen, aber natürlich auch Risiken.

  • Wie wird sich die digitale Transformation in den nächsten Jahren weiter vollziehen?

Abgesehen von den zuvor beschriebenen Effekten wird sich die digitale Transformation vor allem auch im menschlichen Miteinander auswirken. Zunächst in der Art und Weise wie wir mit einander interagieren – das ist durch Facebook, Snapchat, und Whatsapp bereits heute offensichtlich, wird sich aber weiter fortsetzen.

Im Weiteren jedoch auch darin, wie und was wir arbeiten. Ein signifikanter Anteil heute noch gängiger Berufsgruppen ist vom Aussterben bedroht, das haben Studien auch von A.T. Kearney ergeben.

Darüber hinaus wird es neue Berufsbilder geben, von denen wir heute noch nichts ahnen. Insgesamt wird die Welt deutlich unruhiger und schneller – davon bekomme ich heute schon einen Vorgeschmack, der mir insbesondere immer dann auffällt, wenn ich nach einiger Zeit aus dem Silicon Valley zurück ins gemütliche Deutschland reise.